Agile Infrastrukturen sind nur zum Viertel eine technische Herausforderung

Agile Entwicklung findet zwar noch nicht überall statt, aber sie wird in vielen IT-Organisationen zumindest ansatzweise praktiziert. Immer öfter versuchen Unternehmen von starren Release-Wechseln wegzukommen und stattdessen Softwareprodukte in kleineren Schritten schneller zu entwickeln und zu deployen.

Agile Vorteile haben sich herumgesprochen

Die Vorzüge der agilen Methoden – Geschwindigkeit, Flexibilität, Qualität – haben sich inzwischen herumgesprochen, sodass sich auch andere IT- und Unternehmensbereiche intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen. Im Businessbereich probt man die agile Umsetzung neuer Geschäftsmodelle, Prozessveränderungen und Produktideen – viele nennen das BizOps. Enterprise-Architekten, die sowohl Fach- als auch IT-Prozesse und -Landschaften im Blick haben, arbeiten an agilen Verfahren und auch die IT selbst versucht, agile Prinzipien über die Entwicklung hinaus anzuwenden, zum Beispiel in der IT-Infrastruktur.

Diese eher ganzheitlichen Anwendung agiler Verfahren gilt bei Agilitätsberatern nicht umsonst als hohe Schule. Nur, so ihre Lehrmeinung, wenn das ganze Unternehmen agil ausgerichtet ist, können die Vorteile wirklich ausgeschöpft werden. Solange nur einzelne Silos – beispielsweise die Softwareentwicklung agilisiert würden, entstehen in anderen Bereichen immer wieder Verzögerungen durch Nachfragen, Missverständnisse und Technologiebrüche.

Voraussetzung ist eine beschleunigte Infrastruktur

Eine der wesentlichen Säulen einer unternehmensweiten Agilisierung ist die Beschleunigung der IT-Infrastruktur. Sie stellt eine kritische Ressource für fast alle Unternehmensbereiche und natürlich für alle Geschäfts- und Prozessveränderungen dar. Von ihr hängt es ab, wie schnell ein digitales Produkt oder ein digitaler Service tatsächlich auf den Markt kommt und in welcher Qualität er dort wahrgenommen wird. Ganz banales Beispiel: Wenn eine neues E-Commerce-Plattform aufgrund mangelnder Server-, oder Netzressourcen zu langsam ist, verlieren die Kunden sehr schnell die Lust und wenden sich anderen Anbietern zu.

Dabei ist die Agilisierung der Infrastruktur nur zu einem Viertel eine technische Herausforderung. Die restlichen Dreiviertel haben mit Organisation zu tun.

Software defined everything

Technisch gesehen muss zwischen der Infrastruktur selbst – also Server-, Speicher- und Netzwerkressourcen eine Management-Schicht (Software defined everything) eingezogen werden, mit deren Hilfe die Ressourcen den verschiedenen Workloads anforderungsgerecht schnell und flexibel zugeordnet werden können. Das bedeutet am Beispiel der bereits erwähnten E-Commerce-Plattform, dass diese Management-Schicht in der Lage sein muss, die Ressourcen auch belastungsgerecht zu steuern. Je mehr Interessenten dort nach Produkten suchen, desto mehr Ressourcen müssen der Plattform zur Verfügung gestellt werden. Das ist keineswegs trivial, vor allem wenn man bedenkt, dass die Ressourcen-Anforderungen nicht von einem dezidierten und erfahrenem Infrastruktur-Team gestellt werden, sondern zum Beispiel im Self-Service-Verfahren von den Entwicklern der Plattform. Voraussetzung für das Funktionieren dieser Management-Schicht ist unter anderem ein ausgeklügeltes Performance-Management, das Funktionieren und Auslastung der eingebundenen Ressourcen exakt überprüft und bis hin zu genauen Belastungsprognosen auch managed.

Natürlich funktioniert agiles Infrastruktur-Management in der Cloud besser. Allerdings müssen dann auch Cloud-Orchestrierungs- und Provisioning-Tools in die technische Gleichung miteinbezogen werden.

Agile Infrastrukturteams

Aus organisatorischer Sicht geht es zum einen darum, die Infrastrukturteams agil zusammenzusetzen. Bisher waren sie beispielsweise nach den unterschiedlichen Ressourcen organisiert – Speicherteam, Computer- und Netzwerkteam. In agilen Infrastrukturteams sollten dagegen diese Skills gemischt sein.

Zum anderen müssen die Prozesse zur Auslieferung von Infrastruktur-Services vereinfacht und möglichst automatisiert werden. Statt für besagte E-Commerce-Plattform eine dezidierte Infrastruktur-Anforderung zu formulieren, die dann von den verschiedenen Infrastruktur-Spezialisten überprüft und realisiert wird, müssten die Entwickler-Teams das im Self-Service anfordern können. Dabei kann das Self-Service-Tool sich nicht darauf beschränken, eine bestimmte Zahl an Rechenkernen, Speicherkapazitäten und Netzwerkbandbreite anzufordern, sondern es muss auch eine Plausibilitätsprüfung erfolgen. Wenn das (noch) nicht geht, sollten Entwickler und Infrastrukturteams schon während der Entwicklung der Plattform zusammenarbeiten und die Anforderungen an die Infrastruktur gemeinsam formulieren. Das ist zugleich die dritte organisatorischer Herausforderung: Infrastruktur- und Entwicklungsteams müssen eng zusammenarbeiten, um den Prozess der Infrastrukturbereitstellung möglichst schnell und friktionslos abschließen zu können.

Unternehmen, die eine agile Infrastruktur schaffen müssen, um die sich schnell ändernden Geschäftsprozesse und -modelle bedarfsgerecht und flexibel anpassen zu können, müssen auf der technischen Seite dem Software-defined-everything-Paradigma gerecht werden. Auf der anderen Seite müssen sie die organisatorischen Voraussetzungen schaffen, die agile Formen der Zusammenarbeit ermöglichen. Unternehmen, die bereits ihre Software-Entwicklung agilisiert haben, sind dabei im Vorteil, weil sie die organisatorischen Herausforderungen bereits kennen und sie zumindest teilweise bewältigt haben.