Robotic Process Automation: der Akku-Schrauber unter den Testverfahren

Jesper Ottosen vergleicht die Vorteile von Robotic Process Automation (RPA) gegenüber anderen Testverfahren mit denen eines Akku-Schraubers gegenüber herkömmlichen Schraubenziehern. In einem Blogpost auf der Website der englischen Test-Community „Ministery of Testing“ schreibt der Senior-Testmanager des dänischen IT-Beratungshauses NNIT: „Ähnlich wie ein Akku-Schrauber, der in den verschiedensten Einsatzszenarien und Einstellungen sehr effektiv genutzt werden kann, gibt mir auch RPA beim Testen deutlich mehr Möglichkeiten als herkömmliche Verfahren und Tools. RPA bietet mir sogar ‚Bits‘ an, die Schraubenzieher gar nicht haben.“

Dieser Vergleich fällt durch seinen Pragmatismus auf und verdeutlicht augenblicklich, welcher Nutzen sich hinter dem etwas hochtrabenden Begriff Robotic Process Automation verbirgt – nicht nur beim Testen, sondern vor allem auch bei der Automatisierung von Business-Prozessen und IT-Betrieb: mehr Effektivität, weniger Mittel und weniger Personaleinsatz bei besseren Resultaten. Mit RPA-Tools lassen sich regelbasierte Routineaufgaben vollständig oder zumindest teilweise über verschiedene Softwareanwendungen hinweg automatisieren. RPA benötigt dafür keine APIs: Die Systeme nutzen – wie menschliche User auch – das General User Interface, um Daten aus- und einzulesen, zu vergleichen oder zu validieren. Kurz: Sie simulieren die Interaktionen eines menschlichen Nutzers mit verschiedenen Software-Anwendungen.

Zum Beispiel lassen sich mit RPA in Banken neue Konten automatisch eröffnen, in Versicherungen Policen autorisieren oder in Fertigungsunternehmen gelieferte Teile für die Endmontage freigeben. Im IT-Operations-Bereich lassen sich zum Beispiel neue Nutzer in einem Netzwerk per RPA automatisieren, Passwort-Rücksetzungen, IDs und Berechtigungen vergeben oder verschiedene User-Interaktionen im IT-Service-Management und Support. Das sind nur einige Beispiele aus immens vielfältigen Einsatzgebieten. Im Prinzip lässt sich Robotic Process Automation auf jeden Business- oder IT-Prozess anwenden, in dessen Verlauf verschiedene Applikationen oder Infrastrukturkomponenten interagieren müssen. In nicht automatisierten Prozessen interagiert ein menschlicher Nutzer mit den Komponenten, im RPA-Fall ein Software-Bot.

Folgende große Vorteile bietet Robotic Process Automation:

  •  APIs sind nicht notwendig, um anwendungsübergreifende Prozesse zu automatisieren
  • RPAs müssen in der Regel nicht programmiert werden; sie sind so einfach zu entwickeln, dass auch versierte Business-Nutzer das bewerkstelligen
  • Sie sind sehr gut skalierbar, weil verschiedenste Bots beliebig viele Nutzer simulieren können
  • RPA-Prozesse sind deutlich preiswerter als nicht automatisierte Prozesse, die viel mehr Zeit und Ressourcen benötigen
  • Software-Bots arbeiten fehlerfrei
  • Die Produktivität ist enorm, denn die Bots arbeiten 24 x 7
  • RPA-Systeme sind sehr flexibel einsetzbar; sie sind mit jedem Anwendungsprogramm nutzbar

Wenn RPA-Systeme noch mit Machine Learning oder anderen Advanced-Analytics-Verfahren kombiniert werden, ergeben sich weitere Vorteile. Wenn beispielsweise NL-Algorithmen eingesetzt werden, um die zu automatisierenden Prozesse zu beobachten und zu analysieren, können auf dieser Basis die Prozesse einfacher und damit noch effektiver gestaltet werden.

Allerdings sollte bei aller Begeisterung über diese Art der leichten Automatisierung auch von IT-Prozessen nicht vergessen werden, dass eine Verbindung von Programmen oder Prozessteilen über Software-Bots durchaus herausfordernd sein kann: zum Beispiel wenn sich GUIs oder die Prozessabläufe ändern. Außerdem ist RPA keine „Silver-Bullet“, die alle Integrationsprobleme und fehlende End-to-End-Automatisierung lösen hilft. Sie ist, wie schon gesagt ein Akku-Schrauber, der sehr viel besser funktioniert als ein herkömmlicher Schraubenzieher. Aber deshalb sollte niemand glauben, die Welt bestehe aus lauter Schrauben.